C.S. Neuhaus Bücher

 



 

B.O.S.S. - Das Göttliche 

 



»Montag beginnt erst das Praktikum, Mama.«

Genervt fuhr ich mir mit den Fingern durch die Haare, wie fast immer, wenn ich meine Mutter in der Leitung hatte. Bereits zweimal fragte sie schon, ob ich mit dem Praktikum angefangen hätte und mein Tipp, sich doch endlich mal ein Kreuz im Kalender zu machen, wurde offensichtlich vergessen.

»Und? Wie geht es Papa?«, fragte ich, um vom Thema ›Praktikum‹ abzulenken.

»Du kennst ihn ja, er ist die meiste Zeit bei Gericht und arbeitet an diesem einen Fall, und wenn er denn mal zu Hause ist, sitzt er im Büro«, antwortete meine Mutter fast wie auswendig gelernt.

Ich kannte den monotonen Gesang von ihr. Immer dann kam er zum Vorschein, wenn sie von irgendetwas furchtbar genervt war.

»Was für ein Fall?«, fragte ich.

»Ach, diese Sache, wo gegen die Polizei ermittelt wird. Immer mehr haarsträubende Indizien kommen da ans Tageslicht. Ist wirklich furchtbar«, sagte meine Mutter und verbarg nicht, wie sehr sie das belastete. Nicht zuletzt deswegen, weil mein Vater kaum noch zu Hause war, und unter der Einsamkeit litt sie sehr.

Obwohl ich das Jurastudium nach immerhin neun Semestern geschmissen hatte, interessierte ich mich sehr wohl für die Arbeit meines Vaters. Er war Oberstaatsanwalt und manche Fälle, die in seiner Hand lagen, waren wirklich aufregend. Trotz des Interesses war mir das Studium zu langweilig gewesen, und obwohl ich vier Semester lang auf der Warteliste gestanden hatte und mehr als glücklich sein konnte, dass mich die Universität per Auslosungsverfahren gezogen hatte, merkte ich nach fünf Jahren, dass das Studium einfach zu trocken für mich war. Paragrafen auswendig lernen und die meiste Zeit am Schreibtisch hocken, das wurde fast zur Qual. Aus diesem Grund hatte ich mich still und heimlich bei der Polizei beworben und meinen Kindheitstraum verwirklicht. Eine Sache, auf die mein Vater so ganz und gar nicht stolz war. Er wünschte sich eine Tochter, die in seine Fußstapfen tritt. Bei beiden hatte es nicht geklappt. Wir waren eigene Wege gegangen. Meine Schwester Lina war Ärztin geworden und ich hatte eben erst einen Umweg über Jura gemacht und das im Nachhinein nur, um meinen alten Herrn stolz zu machen. 

»Weswegen wird eigentlich gegen die Polizei ermittelt?«, fragte ich.

»Ein Polizist soll Verhörmethoden angewandt haben, die unmenschlich waren. Auch wenn dieser Dreißigjährige, der in die Apotheke eingebrochen ist, eine Strafe verdient hat, gehört diese Art des Verhörs doch nicht in unsere Zeit. War ja ein Verhör fast wie zu Hitlers Zeiten.«

Meine Neugierde war geweckt. »Was für Methoden waren das denn?«

Gedankenverloren pulte ich in einem Loch auf dem Sofa, was neu zum Vorschein gekommen war.

»Grausame Methoden, Louise! Ich möchte nicht darüber sprechen. Schlimm genug, dass dein Vater immer erzählen muss, obwohl ich mir die Frage, wie sein Tag war, schon spare. Aber mal was anderes, kommst du am Sonntag zum Essen? Lina kommt auch. Sie hat endlich noch mal ein Wochenende frei!«

Ich hörte förmlich, wie meine Mutter lächelte, wahrscheinlich gedankenverloren in den Garten schaute und sich eine Augenbraue glatt strich, wie sie es immer tat, freute sie sich auf etwas ganz Besonderes.

»Ich versuche, es einzurichten. Mama, ich muss auflegen, ich glaube, Christian versucht gerade, mich anzurufen.«

Jetzt hörte ich meine Mutter jauchzen.

»Lad ihn doch auch am Sonntag zu uns ein! Ich würde ihn so gerne noch mal wiedersehen!«

Mein Ex-Freund Christian war der zukünftige Schwiegersohn schlechthin für meine Eltern gewesen. Er war gut aussehend, kam aus sehr gutem Hause und strebte eine Karriere als Arzt an. Und am meisten hatte meine Mutter gelitten, als ich verkündete, dass es aus war zwischen mir und Chris.

»Mama, wir sind nur noch gute Freunde und ich werde ihn mit Sicherheit nicht für Sonntag einladen. Dann macht sich Chris nur wieder unnötige Hoffnungen. Ich muss jetzt auflegen. Grüß Papa von mir!«

»Ich hab dich lieb, Louise! Bis Sonntag!«

»Ich hab dich auch lieb, Mama. Bis Sonntag!«

Ausschließlich sie nannte mich bei meinem vollen Namen. Louise. Louise sagte sonst keiner zu mir. Selbst mein Vater rief mich nur ›Lou‹ und manch einer war erstaunt, wenn ich sagte, dass mein eigentlicher Name Louise war. Inzwischen störte es mich nicht mehr. Jahrelang hatte ich meine Mutter davon zu überzeugen versucht, mich doch auch einfach nur Lou zu nennen, jedoch ohne jeglichen Erfolg.

›Ich habe mir nicht einen so schönen Namen für meine Tochter ausgesucht, damit ich dann irgendein Kürzel verwende‹, sagte sie immer, wenn ich einen neuen Versuch startete, und irgendwann hatte ich einfach aufgegeben und nahm es so hin, wie es war.

Tatsächlich versuchte Christian, mich anzurufen. Ich ging nicht dran, denn gerade in letzter Zeit hatte ich gemerkt, wie sehr er unter der Trennung litt, die immerhin schon ein halbes Jahr zurücklag. Fast fünf Jahre waren wir zusammen gewesen, bis wir gemerkt hatten, dass wir eigentlich mehr wie Geschwister lebten und längst nicht mehr wie ein Liebespaar. Chris war zwar nicht mein erster Freund, doch die Beziehung war die erste ernsthafte und mir lag durchaus noch viel an unserer Freundschaft. In fünf Jahren erlebt man einiges zusammen, aber momentan hatte ich einfach keine Lust, ihn zu treffen.

Ich ignorierte geflissentlich den Anruf und zog mir meine Laufsachen an. Laufen zu gehen, war fast zur Sucht geworden und da ich bereits zwei Tage gar keinen Sport getrieben hatte, wurde es jetzt höchste Zeit. Außerdem sollte man als zukünftige Polizistin sportlich sein und ich hoffte sehr, dass das Praktikum vielleicht mal einen Einsatz bot, wo ich meine Sportlichkeit unter Beweis stellen konnte.

 

Pünktlich um zwölf am Sonntag, bog ich in die großzügige Einfahrt meines Elternhauses ein. Ich freute mich vor allem auf Lina. Es war fast schon zum seltenen Ereignis geworden, wenn wir als Familie komplett waren. Das kam wirklich nicht mehr oft vor. Lina hatte als Ärztin häufig unmögliche Arbeitszeiten, und da sie eben kinderlos war, übernahm sie oft Dienste, die von Eltern verabscheut wurden, wie zum Beispiel Wochenenddienste, oder aber auch Nachtdienste.

Als ich meine Autotür öffnete, stieg mir der Duft von Gulasch in die Nase. Eines von vielen Lieblingsessen, die ich hatte, und eigentlich war es fast schon Tradition, dass meine Mutter genau dieses Essen machte, trafen wir alle zusammen.

Lina stand aufgeregt in der Haustüre, als ich aus dem Auto stieg, und hüpfte wie ein Kind von einem auf das andere Bein. Und würde ein Fremder sie da so stehen sehen, könnte er sich wohl kaum vorstellen, was meine Schwester Lina beruflich machte.

»Lou! Endlich!«

Auf Socken lief sie mir entgegen und drückte mich an sich. Lina und ich waren nicht nur einfach Schwestern, sondern vielmehr auch die allerbesten Freunde, obwohl wir unterschiedlicher nicht sein konnten Aber uns verband etwas sehr Tiefes. Ein Geheimnis. Und keiner wusste davon.

Lina war immer sehr strebsam gewesen und die Lorbeeren für die Strebsamkeit hatte sie letztes Jahr ernten dürfen, als sie eine Stelle als Chefchirurgin im Stadtkrankenhaus erhalten hatte. Und das mit einunddreißig Jahren! Ich hingegen war mit sechsundzwanzig Jahren immer noch ohne Ausbildung, aber das würde sich in drei Jahren ändern. Dann, wenn ich mich Kommissarin nennen dürfte. Strebsamkeit kam bei mir erst jetzt zum Vorschein. Auf der Polizeischule. Das war mein Ding. Das war der Beruf, den ich machen wollte und insgeheim ärgerte ich mich sehr, dass ich so einige Jahre auf der Universität gesessen hatte, eigentlich nur, um meinem Vater zu gefallen …

»Hey Schwester! Wie geht es dir?«, fragte ich lächelnd und sah sie mit hochgezogenen Augenbrauen an. Von meiner alten Clique hatte ich erfahren, dass Lina offensichtlich jemanden kennengelernt hatte. Keinen Mann, wie manch einer jetzt denken mag, Lina steht ausschließlich auf Frauen.

»Ich wollte dich noch anrufen und dir erzählen. Sie ist toll! Ich glaube, das könnte wirklich etwas werden. Erzähl ich dir in Ruhe«, flüsterte sie und wurde rot.

Wie schön, wenigstens eine von uns beiden, die offensichtlich ihr Glück gefunden hat, dachte ich. Arm in Arm gingen wir ins Haus.

Die Begrüßung meiner Mutter war überschwänglich, die meines Vaters eher reserviert, wie sie immer war, seitdem ich das Studium geschmissen hatte. Es verletzte mich sehr, zu sehen, dass er offensichtlich keinerlei Verständnis für meine Entscheidung aufbrachte. Das innige Verhältnis, was mein Vater und ich immer hatten, war dahin. Einfach weg. Aber Lina meinte, mit der Zeit würde sich das legen. Nun war ich aber schon knapp ein halbes Jahr auf der Polizeischule und es hatte sich leider nicht gelegt. Es war, als würde zwischen uns eine Glasscheibe stehen, die es nicht zuließ, zueinanderzufinden, auch wenn man sich sah. Oft hatte ich mir vorgenommen, mit meinem Vater zu reden, doch jedes Mal hatte mich kurz zuvor der Mut verlassen und so nahm ich es stillschweigend hin, dass mein Vater mir kaum noch Beachtung schenkte.

Nach zwei Riesenportionen von Gulasch, Nudeln und Apfelmus, lehnte ich mich völlig übersättigt zurück.

»Ich hab zu viel gegessen«, sagte ich gequält und griff mir an den Bauch.

»Und ich esse und esse und nehme einfach nicht zu«, erwiderte Lina und aß ihre dritte Portion.

Lina kam ganz nach unserem Vater. Sie maß eins achtundsiebzig, war spindeldürr, hellblond und blauäugig. Ich hingegen war drei Zentimeter kleiner und hatte die weiblichen Kurven, als auch die dichten dunkelbraunen Haare und die grünen Augen von meiner Mutter geerbt und leider musste ich ständig mein Gewicht im Auge behalten, anders als Lina.

»Lina, willst du nicht ein paar Kilos von mir abhaben«, scherzte ich.

Lina griff mir lachend an die Hüften. »Dann würde ich hier einen Schnitt machen, da das Fett absaugen und mir hier reinspritzen.«

Kichernd packte sich Lina an den Busen, den sie leider auch von unserem Vater geerbt hatte. Ich sagte dazu immer: gerechte Verteilung! Lina konnte so viel essen, wie sie wollte, war dafür aber ziemlich flach, ich konnte leider nicht so viel essen, wie ich wollte, hatte dafür aber einen regelrechten ›Standardbusen‹.

Als wir alle mit einer Tasse Kaffee auf der Terrasse saßen und die ersten frühlingshaften Sonnenstrahlen genossen, fragte ich meinen Vater nach dem Fall, der ihm momentan die Zeit stahl. Die genervten Blicke meiner Mutter ignorierte ich.

»Ich werde nicht über Details sprechen, Lou. Hättest du brav dein Studium beendet und unter uns gesagt, du hättest jetzt fertig sein können, hättest du für mich gearbeitet und bei diesem Fall mitwirken können. Wolltest du ja nicht!«

Er nahm einen Schluck Kaffee und schüttelte kurz den Kopf. Seine Stimme wurde weicher, fast väterlich. »Außerdem will ich dir Einzelheiten ersparen.«

»Ich finde, Lou kann ruhig wissen, wie schlimm der Mann zugerichtet war«, sagte Lina forsch und strich die Tischdecke glatt.

»Woher weißt du denn davon?«

Erstaunt sah ich meine Schwester an.

»Ich hatte Dienst«, antwortete sie knapp.

»Und?«

»Nichts und. Der Mann hatte enorme Verletzungen. Den musste ich ganz schön zusammenflicken. Ich meine, der Polizist hat mit dem Schlagstock auf den Einbrecher eingeschlagen. Stell dir vor, es heißt, er habe den Mann mit zur Wache genommen, verhört und ihn dann misshandelt. Und dann hat er den Einbrecher mit dem Polizeiauto zum Hospital gefahren, dort aus dem Wagen gezerrt und hat sich aus dem Staub gemacht. Haben mehrere Zeugen ges…«

»Schluss jetzt«, schrie meine Mutter beinahe, »wir wollen doch den Sonntag genießen und heute hat jeder hier frei! Also Schluss jetzt mit dem Gerede über Arbeit. Kein Wort möchte ich mehr darüber hören!«

Immer, wenn unsere Mutter die linke Augenbraue gefährlich in die Höhe zog, war dies das untrügliche Zeichen, augenblicklich das Thema zu wechseln.

Mein Vater saß, unbeeindruckt vom plötzlichen Ausbruch meiner Mutter, am Tisch und hatte die Samstagszeitung aufgeschlagen. Er nahm nur noch selten an einem unserer Gespräche teil. Trotzdem schätzte ich sehr, dass er anwesend war und nicht etwa so enttäuscht von mir, dass er gar kein Interesse mehr an meinen Besuchen hatte. Dieses kleine Detail nahm ich als Zeichen, dass ihm doch noch was an mir lag. Dass ich doch noch ›sein Mädchen‹ war, wie er es früher immer äußerte.

»Louise, auf welcher Wache machst du denn das Praktikum?«, fragte meine Mutter und versuchte zumindest interessiert zu wirken, so ganz gelang ihr das nicht.

»Innenstadt«, erwiderte ich, nahm einen Keks und steckte ihn mir komplett in den Mund. 

Mein Vater schaute kurz auf.

»Hey«, flüsterte Lina, »ist da nicht auch der angeklagte Polizist her?«

»Ja«, war die kurze Antwort meines Vaters. Er legte die Zeitung bei Seite.

Ich winkte mit der Hand und schloss einen Augenblick die Augen. »Okay, lasst uns nicht darüber reden, ich will mir mein eigenes Bild machen. Außerdem werde ich über den Fall sicher noch mehr hören, als mir lieb ist, wenn der Beamte auch auf dieser Wache gearbeitet hat«, nuschelte ich mit vollem Mund.

An diesem Abend ging ich mit einem seltsamen Gefühl in der Magengegend ins Bett. Ich musste zum Frühdienst erscheinen, das hieß: um fünf Uhr aufstehen und um sechs auf der Wache sein. Sicherlich kam ein Teil des seltsamen Gefühls von der Vorfreude, endlich praktisch arbeiten zu dürfen, aber trotzdem ließ mich der Fall von meinem Vater nicht los. Wahrscheinlich war dieser besagte Polizist, der geprügelt haben sollte, in einer ganz anderen Dienstgruppe und ich würde nur am Rande mit diesem Thema in Berührung kommen. Aber was veranlasste einen Polizeibeamten, ein Verhör vorzunehmen und den Täter fast zu Tode zu prügeln? Und dann hatte der Beamte auch noch den Einbrecher mehr tot als lebendig vor dem Krankenhaus ausgesetzt. Ich zog meine Bettdecke noch höher, sodass nur noch mein Kopf unbedeckt war, und versuchte, nicht mehr darüber nachzudenken. Aber die Bilder in meinem Kopf, wie ein Mensch blutüberströmt auf der Treppe liegt, die zum Hospital führt, wollten einfach nicht verschwinden. Ich legte den Fall innerlich ad acta, ignorierte die Bilder und schlief irgendwann ein.                                                                                                                                                      

In dieser Nacht träumte ich von wilder Verfolgung, von viel Blut und OP-Tischen und natürlich tauchte auch wieder das stille Mädchen mit dem blauen Kopftuch auf, wie so oft in meinen Träumen.

Schweißgebadet wurde ich wach, als mein Wecker unaufhörlich piepste. Nur kurz zog ich die Bettdecke ganz über mich, in der Hoffnung, dass die Nebenwirkungen vom Traum aufhörten und die Bilder, die sich in meinem Kopf verankert hatten, wieder verschwinden würden. Langsam beruhigte sich mein viel zu stark klopfendes Herz und ich wagte, aus meinem Versteck herauszukommen.

 

Wie jeden Morgen bestand mein Frühstück nur aus einer Tasse Kaffee und einem trockenen Toast, den ich mir nach diesem Albtraum im Stehen runterwürgte, bevor ich ins Bad ging, um mich fertig zu machen. Meine Haare band ich mir zu einem einfachen Zopf zusammen. Ich trug meinen Jogginganzug, verzichtete aber nicht auf Rouge und Wimperntusche, um den blassen Ausdruck in meinem Gesicht etwas zu kaschieren und sicherlich auch, um weiblicher auszusehen. Uniformen lassen einen doch sehr maskulin erscheinen. 

Am Abend zuvor hatte ich bereits meine Tasche mit meinen Polizeisachen gepackt. Die Grundausrüstung wie Waffe, Pfefferspray, Handschellen und Schlagstock wurden bereits vom Ausbildungsinstitut zur Wache in der Innenstadt gebracht und dort in einen Spind und in ein eigens dafür vorgesehenes Waffenfach eingeschlossen. Dieses Praktikum war mein erstes. Alle weiteren Praktika, die ich in meiner Ausbildung absolvieren musste, würde ich auf dieser Wache machen. Ich freute mich sehr, neue Leute kennenzulernen, und hoffte insgeheim, nette Kollegen und Kolleginnen zu haben. Und besonders gespannt war ich auf meinen Tutor. Tutoren wurden von Praktikanten immer Bärenführer genannt. Ich hoffte sehr, dass mein Bärenführer nett, freundlich und verständnisvoll sein würde. Praktische Erfahrung hatte ich ja noch nicht. Nur theoretische. Und darin war ich sehr gut.

  

Mit der Zeit hatte ich mich gründlich vertan. Ich brauchte, trotzdem ich sehr gut durchkam – um diese Zeit war ja noch nicht so viel los auf den Straßen –, eine halbe Stunde mit dem Auto, hatte aber nur großzügig mit zwanzig Minuten gerechnet. Mehrfach war ich die Strecke gefahren und hatte gedacht, der Verkehr, der zu den Zeiten herrschte, als ich ausprobierte, sei höher. Deswegen hatte ich zehn Minuten von der eigentlichen Fahrzeit abgezogen. Ein Fehler, wie sich an diesem Morgen herausstellte. Wirklich ein Fehler. 

Mit meiner großen Sporttasche, die ich mir über die Schulter geworfen hatte, kam ich zehn Minuten zu spät endlich auf der Wache an.

»Louise Greben. Guten Morgen, ich soll hier heute mein zwölfwöchiges Praktikum anfangen.«

Ziemlich abgehetzt streckte ich dem erstbesten Menschen in Uniform meine Hand entgegen und bereute es fast augenblicklich.

»Sie sind eine halbe Stunde zu spät, Frau Greben«, entgegnete mir der blonde Polizist, der ziemlich groß war, eine Figur wie ein Bär hatte und sich mir gar nicht vorstellte.

Auch ignorierte er meine ausgestreckte Hand, die ich nach einigen Sekunden ziemlich perplex und langsam wieder runternahm, ebenso, wie ich meine Mundwinkel, die leicht hochgezogen waren, wieder fallen ließ.

»Oh, ich dachte sie beginnen um sechs Uhr?«, fragte ich zögerlich, denn laut meiner Uhr war ich nur zehn Minuten zu spät.

»Viertel vor sechs! Oder meinen Sie etwa, ihre Umziehzeiten werden vom Dienstherrn bezahlt? Na, das können Sie dem Boss erklären. Folgen Sie mir!«

Er ging schnellen Schrittes einfach los und erinnerte fast an einen Rekruten beim Militär.

Erleichtert nahm ich also an, dass dieser unfreundliche Polizist nun offensichtlich nicht der Chef dieser Dienstgruppe war und innerlich drückte ich mir selbst die Daumen, dass er nicht mein Bärenführer würde. Obwohl die Figur von ihm zu diesem Titel wirklich hervorragend passte. 

Kleinlaut schlich ich hinter dem Bären her. Schlimmer konnte der erste Tag wohl kaum laufen. Zum einen war ich zu spät, wohlgemerkt am ersten Tag, zum anderen war dieser Kollege schon mal ein Griff ins Klo. Einige uniformierte Kollegen kamen uns entgegen. Alle lächelten freundlich und einer zwinkerte mir aufmunternd zu, was mich wieder hoffen ließ, dass nicht alle so miesepetrig waren wie der Blonde.

Nach einem sehr verwinkelten Gang standen wir endlich vor einer Bürotür. Hoffentlich konnte ich mir diesen Weg merken.

»Anklopfen nicht vergessen. Wenn Sie beim Boss fertig sind, melden Sie sich vorne wieder!«

Mit diesen Worten ging der unfreundliche Polizist weg und ich stand vor der Tür mit dem Gefühl, unartig gewesen zu sein. Du bist sechsundzwanzig Jahre alt und somit eine erwachsene Frau, sagte ich zu mir selbst, dann straffte ich mich, zog meinen Kapuzenpullover lang und klopfte zaghaft an die Tür. Einen Moment wartete ich auf das erhoffte ›Herein‹, doch es blieb aus, also trat ich ein.

Der ›Boss‹, wie ihn der Blonde nannte, saß an einem Schreibtisch und telefonierte. Ich wollte gerade die Türe hinter mir schließen, als mich eisige, blaue Augen böse anfunkelten. Er hielt den Hörer gegen seine Schulter und sagte in einem ruhigen, aber sehr bestimmenden Ton zu mir: »So, das üben wir jetzt. Sie gehen jetzt wieder aus meinem Büro, klopfen erneut an und warten darauf, dass ich Sie hereinbitte! Haben Sie das verstanden?«

Die Frage von ihm glich mehr einem Ausrufesatz, hinzu kam, dass er mit starkem Akzent sprach, was ich, weshalb auch immer, noch einschüchternder fand.

Mit trockenem Mund und völlig überrumpelt nickte ich vorsichtig.

»Wie bitte?«, fragte der ›Boss‹.

»Ver … verstanden«, stammelte ich, verließ das Büro und schloss die Tür.

Einen Herzschlag lang war ich wirklich versucht, erneut zu klopfen. Doch dann kam mir in den Sinn, dass ich nur eine Praktikantin war. Ich drehte auf dem Absatz um und ging kopfschüttelnd nach vorne, wo sich in der Zwischenzeit eine ganze Menge Polizisten versammelt hatten. Sollte der ›Boss‹ doch auf ein Klopfzeichen von mir warten. So ein aufgeblasenes A…! Dass er der Chef war, schön und gut, aber rumkommandieren ließe ich mich mit Sicherheit nicht! Dafür war ich nicht gemacht, und doch regte sich in mir ein unbekanntes Gefühl. 

»Hallo, ich bin Marlene! Deine Tutorin. Louise, richtig?«

Lachend streckte mir Marlene die Hand entgegen und sah nach diesen zwei unerfreulichen und unfreundlichen Männern erfrischend freundlich aus. Und was sie für mich besonders sympathisch machte: Sie war etwas dicker und ihre wilden, blonden Locken hatten etwas herrlich Normales. Alle anderen Frauen, die mir bisher über den Weg gelaufen waren, fand ich irgendwie zu schön und gestylt, vor allem aber die große Blonde.

»Hallo, mich nennen alle eigentlich nur Lou«, entgegnete ich vorsichtig.

»Nur Lou? Also okay, nur Lou. Beim Boss warst du schon, richtig? Dann zeig ich dir mal die Umkleideräume.«

»Um genau zu sein, war ich nicht beim Boss«, flüsterte ich Marlene zu und beschrieb ihr die Situation.

Marlene machte kurz ein Gesicht, als habe sie in eine Zitrone gebissen und nicht nur das, irgendwie sah sie ängstlich und erschrocken aus.

»Nicht gut. Gar nicht gut, Lou! Geh lieber noch mal hin. Der Boss duldet so ein Verhalten nicht.«

Just in dem Moment, in dem Marlene den Satz ausgesprochen hatte, kam der ›Boss‹ genau auf mich zu. Alle anderen, die da waren, taten plötzlich, als seien sie wahnsinnig beschäftigt, keiner schaute zum Boss. Ich versuchte, mich etwas größer zu machen, was recht schwierig ist, hat man einen einfachen Jogginganzug und alte Sneaker an, weil man sich ohnehin auf der Wache umzieht und der Boss circa einsneunzig misst. Angsteinflößend, fiel mir nur dazu ein, und getoppt wurde diese angsteinflößende Erscheinung durch die Uniform, die er trug.

Ich legte meinen etwas hochnäsigen Blick auf, der jedoch relativ schnell zu bröckeln begann, und schaute ihn geradewegs an. Mein Körper hatte Angst. Kälte zog sich durch meine Knochen und ich glaubte, unter dem warmen Jogginganzug den Hauch einer Gänsehaut zu spüren und noch etwas anderes. War da ein Schmetterling in meinem Bauch? Wo kam der denn her? Er kam relativ dicht an mein Gesicht, beugte sich dafür etwas runter und sprach zu mir, ohne mich anzusehen.

»Sie gehen jetzt zu meinem Büro und klopfen und warten darauf, dass ich Sie hereinbitte! Ich werde das nicht noch einmal zu Ihnen sagen.«

Dann drehte er auf dem Absatz um und schlenderte zurück in sein Büro. Alle anderen Polizisten starrten mich an. Ich atmete aus.

»Mach lieber! Dann hast du es hinter dir. Ich warte hier auf dich«, sagte Marlene und gab mir einen aufmunternden Klopfer auf die Schulter.

So ein Scheiß, dachte ich. Eigentlich hatte ich mich auf das Praktikum gefreut. Das konnte ja noch heiter werden mit diesem ›Boss‹.

Provokant klopfte ich an die Tür, wie in einem Spionagefilm, einmal lang, zweimal kurz, zweimal lang.

Es dauerte einige Sekunden, bis ein gedehntes ›Herein‹ zu hören war. Versucht selbstbewusst trat ich ein und schloss die Tür hinter mir. Dann schlich ich in die Mitte des Raumes und blieb dort unbeweglich stehen.

Der Chef saß wieder an seinem puristischen Schreibtisch, der beinahe nur aus Glas zu bestehen schien, einzig eine kleine Unordnung von Papieren verbarg seine Beine. Er musterte mich von Kopf bis Fuß und drehte dabei einen Stift, den er in der Hand hielt. Wie unangenehm. Auch ich musterte ihn und checkte kurz die Liste: sehr attraktiv, älter, dunkelbraune Haare, die oben drauf etwas länger waren und an den Seiten kurz und außerdem Spuren von Grau aufwiesen, Dreitagebart, auch dunkelbraun-grau, eisblaue Augen, sportlich, sehr groß. Und mein Resümee: Schade, dass attraktive Männer häufig Arschlöcher sein mussten. Aber dieser hier, dachte ich, war ein Paradebeispiel!

Nachdem er mich ausgiebig gemustert hatte, ganz unverhohlen, zog er ein Blatt Papier hervor und schaute kurz drauf.

»Louise Greben also, ja?«

Stimme war auch sexy, sehr tief … und unverkennbar hatte er einen englischen Akzent.

»Lou, wenn es recht ist«, antwortete ich und biss mir auf die Lippe. Ein ›Ja‹ von mir hätte es auch getan. Ich legte keinen Wert darauf, dass er mich duzte und er war auch nicht so unbedingt der Typ Mann, den man einfach, ohne Aufforderung, duzen würde.

Mein Blick fiel auf den Stuhl, der unmittelbar vor seinem Schreibtisch stand und doch offensichtlich für Mitarbeiter gedacht war. Aufgefordert, mich zu setzen, hatte er mich nicht. Gerade als ich mich bewegte und mein Hintern bereits die typische Hock-Form eingenommen hatte, schaute er mich eindringlich an.

»Nicht setzen!«

Augenblicklich straffte ich mich. Er steckte den Stift, den er die ganze Zeit in der Hand gedreht hatte, zurück in die dafür vorgesehene Halterung und sah mich wieder an. Wie freundlich.

»So, Frau Viersen ist Ihrer Tutorin für die nächsten zwölf Wochen. Sie wird Ihnen hoffentlich alles Nötige beibringen.« Er erhob sich und kam langsam um den Schreibtisch herum, geradewegs auf mich zu. Ich sah wie in Zeitlupe zu ihm auf und unterdrückte den Drang, einen Schritt rückwärts zu machen. Als er unmittelbar vor mir stand, lächelte er. Weiße, gerade Zähne kamen zum Vorschein. Er sah unverschämt gut aus.

»Eine Wildkatze fehlt mir hier noch«, sagte er leise, dann griff er um mich rum.

Ich folgte mit meinen Augen seiner Hand, bis sie hinter meinem Rücken verschwunden war. Er griff an meinen Zopf, der mir bis zur Mitte des Rückens reichte und zog daran, sodass mein Kopf in den Nacken fiel. Ich schnappte nach Luft und sah ihn erschrocken mit weitaufgerissenen Augen an.

»Diese Haare sollten Sie besser zusammenbinden.«

Er ließ los und öffnete mir die Tür.

»Viel Erfolg beim ersten Arbeitstag wünsche ich Ihnen.«

»Danke«, stammelte ich und als ich hinausging, legte er seine Hand in meinen Rücken und schob mich sanft. Nun hatte ich am ganzen Körper Gänsehaut. Keine, die durch Kälte verursacht wurde. Vielmehr ein angenehmes Prickeln. Plötzlich war seine Hand weg und die Tür schlug zu. Erst da merkte ich, dass ich die Luft angehalten hatte. Einen Moment lang stand ich nur da, völlig verwirrt über meine Reaktion und seine Äußerung, ihm fehle noch eine Wildkatze … ich, eine Wildkatze? Ja, die war ich. Manchmal jedenfalls. Er war ein Arschloch, da gab es einfach gar nichts schönzureden. Ein verdammt attraktives Arschloch.

Langsam ließ ich die Luft zwischen spitzen Lippen entweichen und rieb mir einmal mit beiden Händen über die Oberschenkel.

Mit weichen Knien ging ich nach vorne zu den anderen Kolegen.

  

 

 

***