C.S. Neuhaus Bücher

 



 

B.O.S.S. - Meeresstille

 

 

E I N S

 

 

Hektisch packte ich meine Tasche, denn eigentlich wollte ich schon vor einer Stunde losgefahren sein. Mein kleiner Garten hatte Schuld an der Verspätung. Er war wirklich klein. Ich glaube, wir sprechen von dreißig Quadratmetern. Aber um diese dreißig Quadratmeter kümmerte ich mich gut. Nicht zuletzt deswegen, weil meine ganze Aufmerksamkeit den Sonnenblumen galt, die zahlreich in einer schönen Ecke in die Höhe wuchsen. Zumindest jetzt im Spätsommer. 

Ich legte meine Tasche in den Flur und lief mit Schere bewaffnet auf die Terrasse. Die zwei schönsten Sonnenblumen schnitt ich ab, wickelte schnell ein nasses Tuch und eine kleine Tüte um die Stiele, damit sie während der Fahrt nicht austrockneten und verließ um elf Uhr, statt wie eigentlich geplant um zehn, endlich meine Wohnung. Noch bevor ich den Wagen anließ, schrieb ich meiner Schwester, dass ich wohl erst gegen halb eins in der Stadt sein würde. Ich wusste genau, dass meine Familie, das hieß, meine Mutter, mein Vater, meine Schwester Lina und ihre Freundin Alex, ungeduldig auf mich warteten. Ich freute mich durchaus auch, alle zu sehen, jedoch war es für mich immer mehr zum Pflichtbesuch geworden. Am liebsten war ich allein.

Ich schnallte mich an und strich langsam mit der Hand über das Armaturenbrett meines Autos. Immer noch war mir der Fiat fremd. Immer noch dachte ich an meinen Schwarzen. Früher hatte ich einen schwarzen Golf, dieses Auto war mein ganzer Stolz gewesen. Ein Geschenk meines Vaters, meine Schwester Lina hatte den Golf in weiß bekommen. Ich hatte mich von ihm getrennt und mir stattdessen einen kleinen, eierschalenfarbenen Fiat 500 gekauft. Der Golf hatte mich zu sehr an Luke erinnert und alles, was mich zu sehr erinnerte, hatte ich getauscht oder schlichtweg verbannt, um die Tatsache, dass er weg war, besser ertragen zu können.

 Hundertsiebenunddreißig Kilometer lagen vor mir. Hundertsiebenunddreißig Kilometer, für die ich mich vor zwei Jahren entschieden hatte, um mit allem abzuschließen, um mein ›altes‹ Leben hinter mir zu lassen.

Die Fahrt genoss ich immer sehr. Deshalb, weil ich da still sein durfte und nicht reden musste. Das würde sich gleich bei meinen Eltern wieder ändern. Meist wurde ich mit Fragen bombardiert. Jeder wollte wissen was ich so mache, wenn ich frei hatte. Jeder wollte heraushören, dass ich einen netten jungen Mann hatte kennengelernt, jeder wollte heraushören, dass ich Luke mit der Zeit vergessen hatte … aber das, das würde niemals der Fall sein.

Eigentlich war damals der Plan, an die Küste zu ziehen. Weit, weit weg von dem Ort, an dem so Schreckliches passiert war. Doch wie es der Zufall wollte, bot ein Freund meines Vaters seine Wohnung zum Verkauf an und ich wurde quasi überredet, das Angebot, in diesen Ort zu ziehen, anzunehmen. Ein Ort auf dem Land. Weit weg von einer Stadt. Eine Wohnung parterre, mit Terrasse und einem winzigen Garten. Drei Zimmer, Küche, Bad. Mein Vater hatte deswegen zugestimmt, weil hundertsiebenunddreißig Kilometer das kleinere Übel war. Die Küste hätte bedeutet, vierhundert Kilometer entfernt zu sein und das konnte Papa nicht ertragen.

Ich war jeden Morgen um vier Uhr aufgestanden, da ich mit dem Zug zur Polizeischule gefahren war und der ganze Spaß immer knapp zwei Stunden gedauert hatte. Aber das war es wert gewesen, auch wenn mir alle Kommilitonen auf der Schule einen Vogel gezeigt hatten, dass ich diese Fahrt jeden Tag auf mich nahm. Die neue Wohnung und die hundertsiebenunddreißig Kilometer waren für mich der Neustart. Der neue Start in ein neues Leben und nun konnte ich die Seile, die mich an die Stadt banden, ganz durchtrennen, bis auf ein dünnes Seil, da meine Familie dort eben wohnte. Mit der Ausbildung war ich fertig und ich war stolz, als Beste meiner Stufe das Polizeistudium abgeschlossen zu haben. Jetzt durfte ich mich Polizeikommissarin nennen und endlich den heißersehnten silbernen Stern auf den Schulterklappen tragen.

Auch hatte ich mich von meinen langen, braunen Haaren getrennt. Sie waren jetzt nur noch schulterlang und auch nicht mehr ›nur‹ braun sondern durchzogen von blonden Strähnen. Ich hatte alles verändert und gehofft, so besser mit der Trennung umgehen zu können und doch war das Leben ohne ihn so viel schwerer. Kein Tag verging, an dem ich nicht an Luke dachte. Kein Tag verging, wo ich diese Leere in mir spürte. Leere ist vielleicht nicht das richtige Wort. Vielmehr fühlte es sich an, als sei ich nicht mehr komplett. Etwas fehlte. Etwas war aus mir herausgeschnitten worden. Luke. Und das bereits seit zwei Jahren.

Ich achtete sehr darauf, jeden Tag Sport zu treiben und aß nur noch wenig. Ich hatte viel abgenommen, was mich richtig stolz machte, weil auch dies mir das Gefühl gab, anders zu sein als in der Zeit, in der ich mit Luke zusammen war. Die Lou von damals gab es nicht mehr. Sie war weg. Die Lou, die gerne viel gegessen hatte, die braune Haare bis weit über den Rücken hatte, die, die gerne rauchte und Wein trank, die gab es nicht mehr.

Ebenfalls hatte ich jegliche Kontakte zu Menschen, die ich zusammen mit Luke kennengelernt hatte, abgebrochen. Kurzum, nahezu alles an mir hatte ich verändert, in der Hoffnung, dass der Schmerz über den Verlust dieses Mannes so klein wie möglich gehalten wurde. Aber ein kleiner, ein winzig kleiner Teil des Unerträglichen war geblieben und es stört mich jetzt auch nicht mehr. Mit diesem kleinen Teil konnte ich gut leben. Es gab Luke eben in meinem Leben, wenn auch nur noch als Erinnerung … und ich war eben kein ganzer Mensch, sondern nur noch ein Halber. Aber auch halb konnte man gut leben. Alles eine Sache der Gewöhnung. Ich hatte mich gewöhnt. Glaubte ich jedenfalls …

Leise tönte Musik aus dem Radio. Auf der Autobahn war wenig Verkehr und ich fuhr schon seit geraumer Zeit hinter einem LKW her. Dass jedes Mal, wenn mich ein grauer Q5 überholte, mein Herz einen Sprung machte und ich das Gefühl bekam, eine Horde Ameisen auf meiner Kopfhaut zu spüren, ignorierte ich. Und genauso ignorierte ich die Tatsache, jedes Mal auf die Nummernschilder zu schauen. Auch daran hatte ich mich in den zwei Jahren ohne Luke gewöhnt. Aber überholt hatte er mich nie. Es waren fremde Menschen, die nur das gleiche Auto fuhren, wie er. Und ich übte, nicht mehr die Schilder zu beachten.

 

Nach eineinhalb Stunden kam ich endlich an, fuhr langsam auf den Parkplatz vom Friedhof und suchte einen grauen Audi Q5. Ich fand keinen und konnte beruhigt parken.

Ich schaute immer zuerst, ob Lukes Auto irgendwo stand. Eine Angewohnheit. Die Tatsache, er hätte sich ebenso wie ich, ein ganz anderes Auto kaufen können, blendete ich komplett aus.

Jedes Mal wenn ich meine Eltern besuchte, fuhr ich einmal kurz zum Friedhof. Nicht etwa in der Hoffnung, Luke zu treffen, sondern um am Grab von seiner Tochter und Frau Blumen zu hinterlegen. Ich hatte das Gefühl, dass ich es ihnen schuldig war … weshalb auch immer.

Ich parkte ganz hinten, ganz versteckt und nahe eines Einganges, den kaum einer benutzte. Vorsichtig hob ich die Blumen hoch, dann stieg ich aus und machte mich auf den Weg.

Das Grab lag weit hinten, und ich ging an unzähligen Gräbern vorbei, bis ich schließlich vor einem Grab stand, dessen Grabstein sich abhob von allen anderen. Nicht der Form, aber der Zeichen wegen die darauf waren. Spiralen umrandeten ein keltisches Kreuz und es stand geschrieben:

 

A sunflower Girl and an Irishwoman

Keeva and Amelia Branan

                        

Ich steckte die Sonnenblumen in die alte Steinvase, die dieses Mal leer war. Häufig waren Blumen in der Vase und das Grab war immer sehr gepflegt. Ich wusste, dass Luke sich gut kümmerte. Ich wusste, dass er oft herkam. Und gerade am Anfang hatte ich mir still und heimlich vorgestellt, wie es sein könnte, wenn er am Grab stand und ich wäre hinzugekommen. Doch blieb das immer nur eine Vorstellung. Nichts weiter. Selbst der Zufall wollte nicht mehr, dass wir zusammenfanden.

Ob Luke sich denken konnte, dass ich die Sonnenblumen regelmäßig brachte, wusste ich nicht und letztlich war es auch egal. Wir sahen uns ja nicht mehr. Wir waren ja nur noch Erinnerung. Nicht mehr und nicht weniger.

Ich füllte die Vase mit Wasser und blieb noch einen Moment lang stehen, bevor ich mich umdrehte und wieder zu meinem Auto ging.

Ich fühlte mich gut, wie ich mich immer gut fühlte, wenn ich kurz auf dem Friedhof war. Es war wie eine schöne Pflicht der ich nachkam. Ein Zeichen was ich setzte, dass Lukes Tochter und Frau in meinem Herzen waren. Dass ich sie, obwohl ich sie nie kennengelernt hatte, nicht vergaß.

Mit Keeva fühlte ich mich besonders verbunden. Wir hatten etwas gemeinsam. Wir hatten beide gegen den Krebs gekämpft. Ich hatte gewonnen, sie hatte verloren. Aber einen Teil unseres Lebens hatten wir gleich gelebt und ich wusste, wie sie sich gefühlt haben musste, auch wenn sie nur sechs Jahre alt geworden war. Die Erinnerungen, an die Zeit in der ich so krank war, blieben. Und wahrscheinlich blieben sie ein Leben lang. Doch auch die Krankheit war nur noch ein blasses Überbleibsel, das nur allzu gerne in meinen Träumen zuschlug und mir alle schrecklichen Bilder vor Augen hielt. Wenn ich dann nach solch einem Traum wieder wach wurde, war alles weg und mein Gehirn sagte mir augenblicklich: Willkommen in der Realität. 

 

Ich bog in die große Einfahrt meines Elternhauses ein und wie immer, wenn ich alle vier Wochen nach Hause kam (mein Vater bestand darauf!), stand Lina in der Tür und kam auf Socken in die Einfahrt gelaufen, um mich abzuholen. Noch bevor ich den Fiat ausmachte, riss sie die Tür auf. Ich stieg aus und wir nahmen uns stürmisch in den Arm. Alex, Linas Freundin, stand grinsend an der Haustür und ließ uns die Zeit. Sie wusste, dass Lina und ich nicht einfach nur Schwestern waren, sondern, dass wir ein besonderes Verhältnis hegten und das von Kindesbeinen an. Es gab da etwas, was uns still und intensiv verband und das war unsere Geheimnis, selbst jetzt noch, obwohl wir längst erwachsen waren.

»Sag mal, Lou, hast du noch mehr abgenommen?« Lina griff mir entsetzt in die Taille. 

Ich versuchte zu lachen und packte schnell Linas Hände fest. »Quatsch, meinst du nur, weil ich so viel Sport treibe.«

Lina schüttelte ernst den Kopf. »Du bestehst nur noch aus Haut und Knochen. Wieviel wiegst du?«

»Keine Ahnung«, entgegnete ich kopfschüttelnd und zog meine Tasche vom Rücksitz.

»Du bist zu dünn. Du übertreibst, Lou.« Lina sah mich mit hochgezogenen Brauen an.

Ich verdrehte lachend die Augen und winkte Alex zu.

Seit zweieinhalb Jahren waren Lina und Alex schon ein Paar und dieses Mal, so sagte meine Schwester jedenfalls, war es von Dauer. Wenigstens eine von uns beiden, die ihr Glück gefunden hatte. Wenigstens eine von uns beiden, die ganz klassisch lebte. Einen guten Beruf, eine gute Anstellung, eine Partnerschaft, ein kleines Häuschen nahe der Stadt, also kurz gesagt, alles so wie es sein sollte. Einzig die Tatsache, dass meine Schwester in einer lesbischen Beziehung lebte, passte für manche nicht in die Klassik.

Mir war all das irgendwie nicht gegönnt. Deswegen nicht, weil ein Mann mir die Illusion nahm, diese Art von Leben führen zu dürfen, indem er mich verließ. Nur mit Luke hätte ich mir das vorstellen können, aber er wollte mich vor zwei Jahren nicht mehr. Er wollte mich nicht mehr, weil er sagte, es sei besser so für mich. Wie falsch er doch lag. Wie falsch.

Arm in Arm gingen wir rein und nacheinander nahm ich Alex in den Arm, meine Mutter und nicht zu vergessen meinen Vater, zu dem ich ebenfalls ein besonderes Verhältnis hegte. Wir teilten die Leidenschaft, Fälle aufzudecken. Er als Staatsanwalt, ich als Polizistin. Oft kauerten wir zusammen und diskutierten die neusten Fälle der vor Gericht stehenden Angeklagten.

Die strafenden Blicke meiner Mutter, als sie mich in den Arm nahm und vorsichtig in meine Taille packte, um mich dann kopfschüttelnd wieder loszulassen, versuchte ich zu ignorieren.

Inzwischen störte mich Körperkontakt nicht mehr, aber es hatte über ein Jahr gedauert, dass ich überhaupt wieder in der Lage war, jemanden zu umarmen. Erst das Abnehmen hatte mich besser fühlen lassen, auch wenn alle schimpften, ich sei zu dünn.

›Die Zeit heilt alle Wunden‹, sagte meine Mutter immer. Ich glaubte nicht daran. Es ist ein Spruch, den man so daher sagt. Der lieb gemeint ist und Hoffnung wecken soll. Ich weiß, sehr genau sogar, dass dieser Spruch nicht stimmt. Es heilt nicht, es heilt nie, man lernt nur damit zu leben. Man lernt mit dem Schmerz zu leben. Und ich hatte gelernt.

 

»Erzähle, wir sind alle ganz gespannt«, sagte Lina, band sich ihre langen, hellblonden Haare zu einem hohen Dutt zusammen und räumte mit meiner Mutter und Alex den Tisch ab. Ich hatte es geschafft, sehr wenig zu essen, ohne, dass es wahnsinnig aufgefallen war. Ich hatte da so meine Tricks: Man verteilt großzügig auf dem Teller Essen, beschmiere den Teller mit Soße und isst dann sehr langsam …

Mein Vater saß wie so oft mit einer Tageszeitung da und war in politische Themen vertieft.

»Also, es ist winzig! Die Wache ist wirklich klein. Stellt euch vor, die ganze Wache ist ein Bungalow. Also die Umkleiden sind auf der gleichen Ebene wie der Funkraum und so. Und wir sind sechs Leute und ein Chef«, rief ich in die Küche.

Lina setzte sich und stellte Kaffeekanne, Milch und Zucker auf den Tisch.

Am Montag würde mein Dienst beginnen. Mein Dienst auf einer kleinen Landwache. Mein Dienst als Kommissarin. Und ich freute mich sehr darüber. Endlich arbeiten.

»Wie ist der Chef?«, fragte sie und zwinkerte mich an.

Alex lachte und klemmte sich ihre schwarzen, halblangen Haare verlegen hinter die Ohren.

»Er ist dick, er ist zweiundsechzig Jahre alt und er ist lustig und nett! Leider werde ich nur noch ein halbes Jahr mit ihm zu tun haben, dann wird er nämlich pensioniert! Habe ich eure Frage damit gut beantwortet?« Ich funkelte vor allem Lina grimmig an, denn ich wusste genau, was diese Anspielung sollte.

»Und wie sind deine Kollegen so?«, fragte meine Mutter plötzlich. Ich stand auf und holte Tassen aus der Küche. Genau diese Gespräche waren es, die mich eigentlich augenblicklich wieder nach Hause fahren lassen wollten. Gespräche über irgendwelche Männer, die ich vielleicht kennengelernt hatte und die vielleicht potenzielle Bewerber sein konnten.

»Warum fragt ihr nicht einfach, ob ein netter junger Mann dabei ist? Das ist es doch, was ihr alle wissen wollt!«, entfuhr es mir leicht wütend. Aus den Augenwinkeln sah ich, dass mein Vater lächelnd den Kopf schüttelte.

»Mann, Lou, du bist seit zwei Jahren Single. Entschuldige, dass wir alle hoffen, dass du jemanden kennenlernst.« Lina schaute mich mit hochgezogenen Augenbrauen fragend an. Ich hob nur beide Hände in die Luft und schüttelte den Kopf.

»Ich will keinen kennenlernen! Ich habe kein Interesse.«

Keiner könnte es schaffen, mir so viel zu bedeuten, wie es Luke einst getan hatte und immer noch tat. Das wäre unfair für jeden Mann …

»Zeichne mal die Wache auf, Lou«, sagte Alex, die Einzige, die mich nicht ständig fragte, ob ich jemanden kennengelernt hatte. Ich war dankbar für die Ablenkung. Mein Vater legte die Zeitung zur Seite und lächelte mich an.

»Interessiert mich auch, wie die Wache aussieht! Oben, rechte Schublade, zweite von unten, da ist Papier und auch ein Bleistift!«

Ich lief nach oben und freute mich, zumindest für wenige Minuten allein sein zu dürfen, irgendwie war ich es nicht mehr gewohnt, von vielen umgeben zu sein. Und diese Tatsache, dass ich es nicht mehr gut ertragen konnte, viele Menschen um mich zu haben, war das Einzige, was die Freude über meine Kommissaren-Stelle trübte.

Vor der Tür zum Zimmer meines Vaters blieb ich kurz stehen. Ich betrat das Büro immer mit Ehrfurcht. Schon als Kind war dieser Raum für mich beeindruckend gewesen und ich schritt in dieses Zimmer fast so, als beträte ich eine Kirche. Und häufig stand ich einige Sekunden reglos mit offenem Mund da, hatte mich umgesehen und gestaunt. Ich hatte mir vorgestellt, dass dieser Raum für das Gehirn meines Vaters stand. Alle Gedanken, alles was er gelernt hatte, war in diesem Raum.

Langsam trat ich ein. Justitia hing aus Messing an der Wand mit zwei Waagschalen in den Händen und schaute mich ernst und weise an. Alle Regale, die nahezu jede Wand verdeckten, standen voll mit Büchern. Der größte Teil mit juristischen Büchern. Ein eigener Geruch haftete diesem Raum an. Ein Geruch von Wissen, Holz und Rauch. Ich schloss die Augen und ließ die Düfte auf mich wirken, dann umrundete ich den großen Eicheschreibtisch, der in der Mitte des Raumes auf einem roten, orientalischen Teppich stand und zog die zweite Schublade von oben raus. Ich wollte sie gerade schließen, es war ja die zweite Schublade von unten in der Papier und Stift liegen sollten, doch ich verharrte in der Bewegung. Ein weißer Briefumschlag erregte meine Aufmerksamkeit. Vielmehr die Schrift desjenigen, der ›Professor‹ vorne drauf geschrieben hatte. Ich kannte die Schrift. Meine Beine begannen zu zittern und in meinem Kopf drehte sich einen Moment lang alles. Ich setzte mich in den schwarzen Ledersessel und nahm zitternd den Umschlag in die Hand. Er war sauber, offensichtlich mit einem Briefmesser, geöffnet worden. Mit zitternden Händen griff ich hinein und zog eine Kette heraus. Meine Kette. Ich bemühte mich oft zu blinzeln, damit die Tränen aus den Augen liefen und ich besser sehen konnte. Das kleine, goldene keltische Kreuz funkelte mir entgegen und lag warm in meiner Hand. Ich legte die Kette mit aller Sorgfalt vorsichtig auf den Schreibtisch und zog einen Zettel aus dem Briefumschlag. Meine Augen trocknete ich mit dem Ärmel meines Shirts. Dann las ich ganz langsam in Gedanken:

 

›Mein Beweis für Sie, dass ich Ihre Tochter verlassen habe.

Ich hoffe, Sie können gut damit leben!

Luke Branan.‹

 

Immer wieder las ich, immer und immer wieder. Gedanken hatte ich keine. Ich konzentrierte mich nur darauf zu lesen. Langsam und immer wieder zu lesen. Jedes Wort einzeln. Die Tür ging plötzlich auf und mein Vater stand da und schaute irritiert auf den Briefumschlag in meiner Hand, dann auf die Kette, die auf dem Schreibtisch lag. Erschrocken schaute ich auf, ehe erneut Tränen liefen.

»Darf ich dir erklären, Lou?«, fragte mein Vater versucht höflich und so leise, dass ich Mühe hatte, ihn zu verstehen.

Ich schüttelte im ersten Moment den Kopf, ehe ich wieder auf die Zeilen schaute. Mein Vater schloss leise die Tür und kam auf den Schreibtisch zu. Er setzte sich langsam auf den Stuhl, der dem Schreibtisch genau gegenüber stand, auf den Stuhl, auf dem ich eigentlich immer gesessen hatte, wenn wir was zu bereden hatten.

»Dieser Mann«, begann er, »war nicht gut für dich. Er hat dir nicht gut getan, Lou. Du bist meine Tochter …«

Ich hob die Hand. Tränen hatte ich nun keine mehr in meinen Augen. Aber eine Frage formte sich mehr und mehr in meinen Gedanken.

»Du hast ihn gezwungen, mit mir Schluss zu machen?« Ich schaute meinen Vater wie nie zuvor intensiv und verachtend in die Augen.

»Ich wollte nur, dass alles endlich ein Ende für dich hat.« Die Stimme meines Vaters klang so sanft wie selten. Doch das machte für mich alles nur noch schlimmer.

»Womit hast du ihn unter Druck gesetzt?«, flüsterte ich monoton. Wie konnte ich denken, dass Luke mich freiwillig verlassen hatte?

»Was meinst du mit unter Druck gesetzt?«

Ich schlug mit der flachen Hand auf den Schreibtisch, erschrak selbst kurz vor dem Knall und schaute meinen Vater vorwurfsvoll an. »Womit?«, fragte ich erneut und deutlich lauter, mein Kinn zitterte stark.

Und mein Vater begann zu erzählen. Zu erzählen was sich vor genau zwei Jahren in seinem Büro bei Gericht zugetragen hatte. Er wusste, dass er nun die Wahrheit erzählen musste. Und er ließ wirklich nichts aus, verschönerte nicht, verschlimmerte nicht. Der Staatsanwalt erzählte ohne große Emotionen die Fakten, die geschehen waren. Ausdruckslos hörte ich die ganze Geschichte und wunderte mich kurz, dass ich nicht total geschockt und entsetzt war. Ich war einfach nichts in dem Moment. Nichts und Niemand. Mein Vater endete mit den Worten: »Es tut mir leid, ich wollte dich nur schützen.«

Ich stand auf, legte den Umschlag langsam auf den Schreibtisch und hob vorsichtig die Goldkette auf. Dann verstaute ich sie sorgfältig in meiner Hosentasche, würdigte meinen Vater keines Blickes mehr und verließ das Büro, was in diesem Moment nichts weiter als ein Raum war. Ein stinknormaler Raum. Mein Vater blieb zurück.

Stufe für Stufe ging ich runter. Mechanisch lief ich in die Küche, nahm meine Mutter in den Arm und sagte ihr, dass ich wieder nach Hause fahren würde.

»Warum, Louise? Du wolltest bis morgen bleiben«, sagte sie und schaute mich fragend an.

»Hast du davon gewusst?«

»Wovon gewusst? Was gewusst?« Irritiert schüttelte sie den Kopf.

Lina und Alex kamen in die Küche und als sie meinen Gesichtsausdruck sahen, blieben sie fragend stehen und gerade Lina sah man an, dass sie total verunsichert war.

»Lasst euch das bitte von Papa erklären. Ich denke, er hat euch einiges zu erzählen. Ich möchte jetzt nach Hause fahren.« Ich küsste flüchtig Lina, dann Alex, drehte mich um, nahm meine schwarze Sporttasche, die noch immer im Flur stand und verließ das Haus. Keiner wagte es, mich aufzuhalten. Und das war gut so. Ich konzentrierte mich darauf meine Tasche auf die Rücksitzbank meines Autos zu legen, stieg ein, schnallte mich mechanisch an, setzte rückwärts und fuhr, ohne mich noch einmal umzusehen.

Erst auf der Autobahn ließ ich meinen Gefühlen freien Lauf und weinte in der Hoffnung, dadurch den Schmerz zu verlieren, was nicht gelang. Der Druck auf meiner Brust war beinahe so stark, wie damals, als Luke gegangen war und je mehr ich weinte, desto größer wurde der Druck. Ich schaltete das Radio in meinem Auto schnell aus. Keine Musik. Wie im ersten Jahr nach der Trennung. Ich hatte aufgehört, Musik zu hören. Ganz und gar.

Mein Vater hatte Luke gezwungen, mich zu verlassen. Jetzt endlich war meine Frage, warum Luke das getan hatte, beantwortet. So oft hatte ich mir die Frage gestellt, warum Luke das gemacht hatte … warum er mich verlassen hatte. Er musste mich verlassen. Er wurde gezwungen.

 

Als ich nach einer guten Stunde endlich nach Hause kam, leuchtete der Anrufbeantworter. Ich drückte die Abspieltaste, noch bevor ich die Wohnungstür hinter mir schloss.

»Lou, ruf mich bitte an, wenn du zu Hause bist«, ertönte die besorgte Stimme meiner Schwester. Ich schloss die Türe langsam, zog mir die Schuhe aus, brachte meine schwarze Tasche wieder ins Schlafzimmer. Dann setzte ich mich einen Moment aufs Bett, völlig ratlos, was ich jetzt tun sollte. Aufstehen und deine Schwester anrufen! sagte mir mein Unterbewusstsein. Und ich gehorchte.

Ich nahm das Telefon in die Hand und rief an, auch, um mich für meinen plötzlichen Aufbruch zu entschuldigen.

»Hallo«, sagte ich mit versucht kräftiger Stimme, nachdem Lina nur ein ›Ja‹ in den Hörer gehaucht hatte und zupfte mir dabei einen Fussel von der Schulter.

»Lou. Papa hat uns alles erzählt. Alex und ich sind entsetzt.«

»Ich wäre dir dankbar, Lina, wenn du Papa ausrichten könntest, dass ich ihn nicht mehr sehen möchte«, sagte ich monoton und konzentrierte mich darauf, nicht wieder in Tränen auszubrechen und ging im Wohnzimmer auf und ab.

»Lou, was hältst du davon, wenn du Luke kontaktierst? Ihm sagst, dass du nun Bescheid weißt?« Lina fragte ganz leise, Alex hörte man im Hintergrund, »würde ich auch machen«, sagen.

Ich schüttelte den Kopf, blieb stehen, eine Hand in die Hüfte gestemmt und schaute auf die Sonnenblumen in meinem Garten. »Nein. Das … das wäre nicht richtig. Er hat sicher wieder eine Partnerin gefunden. Ich meine … ich meine, du weißt ja wie er aussieht. So ein Mann ist nicht lange allein, oder?« Wieder liefen Tränen meine Wangen runter und das Gelb der Sonnenblumen vermischte sich mit allen anderen Farben der drum herum wachsenden Pflanzen.

»Lou, er war nach dem Tod seiner Frau vier Jahre alleine. Er ist kein Mann der sich leichtfertig in eine Beziehung stürzt, oder?«

Ich wischte die Tränen wieder mit dem Ärmel ab. »Lina, sei mir nicht böse, ich möchte jetzt nicht mehr darüber reden, verstehst du?«

»Was machst du jetzt?«, fragte sie leise. Ich eiste mich los von den Sonnenblumen und strich mir mit der freien Hand über die Stirn.

»Ich rufe jetzt Nadja an und frage, ob ich mit Armani in den Wald reiten darf.« Ich nickte mir selbst zu.

»Okay. Ich melde mich nächste Woche mal. Pass auf dich auf, Lou. Ich hab dich lieb.«

»Ich dich auch. Bis bald.« Ich legte auf, starrte noch eine Zeitlang auf die Uhr im Wohnzimmer die schon halb vier zeigte, ehe ich mir ein Taschentuch holte und mein Gesicht von Tränen und Rotz befreite.

 

Nadja war froh darüber, dass ich sie gefragt hatte, ob ich ausnahmsweise heute reiten durfte. Eigentlich waren meine Tage Montag, Mittwoch und Freitag. Mein Glück war heute, dass sie etwas vorhatte und es nicht zum Pferd schaffen würde. Ich hatte kurz nach der Trennung wieder begonnen zu reiten und so viele Reitstunden bestritten, dass Nadja mir durchaus zutraute, Armani alleine zu reiten. Armani war ein imposanter Schimmel und in den letzten zwei Jahren zum wahren Freund geworden. Er kannte längst alle Geschichten von Luke und mir und ich hatte den Eindruck, als höre er mir immer zu.

Bevor ich meine Reithose anzog, holte ich die Kette aus meiner Tasche. Eingehend betrachtete ich das keltische Kreuz. Ich hatte sie mir damals vom Hals gezogen und Luke zurückgegeben, als Zeichen, dass es vorbei war. Mit etwas Geschick könnte ich den Verschluss wieder reparieren. Ich holte eine Zange aus meiner Werkzeugschublade und drückte das Gold an der zerrissenen Stelle langsam zusammen. Dann legte ich sie mir um den Hals. Eine angenehme Wärme erfasste mich. Es war, als sei die Kette wieder nach Hause gekommen, wieder da wo sie hingehörte und das nach zwei Jahren. Ich lächelte, weil das Kobold- und Elfengold zu mir zurückgefunden hatte, auch wenn ich wusste, dass es ja nur eine irische Sage war … nichts weiter und auch wusste ich, dass das Gold mir nicht dazu verhalf, meine verlorene Liebe wiederzufinden. Nur eine Sage. Nur eine Geschichte, die man, wie Luke mir einst erklärte, Kindern, bevor sie in den Schlaf geschickt wurden, erzählte, mit dem Gedanken, dass die Kinder Teil dieser wunderbaren Geschichten im Traum wurden. Bei mir war das nie geglückt. So oft hatte ich mir gewünscht, einmal nur den Traum träumen zu dürfen, Luke zu treffen. Nur einmal. Hatte nicht geklappt. Schade.

 

Wenn ich im Sattel saß fühlte ich mich frei. Manchmal schloss ich im Galopp die Augen und versuchte zu fühlen was Luke gefühlt hatte, wenn er seinen großen Jack geritten war. Ich fühlte mich verbunden mit ihm. Ein Gefühl, was wir beide teilten, so dachte ich mir das jedenfalls. Ob Luke alleine nach Irland gereist war?

Als ich abends nach Hause kam war ich so erschöpft, dass ich mich nur noch kurz duschte und dann sofort ins Bett ging. Auf Essen verzichtete ich. Ich hätte keinen Bissen runterbekommen. Wie nahezu jeden Abend machte ich mein Schlafzimmer ganz dunkel, legte mich unter die Decke, die ich bis zum Hals hochzog, schloss die Augen und stellte mir vor, mit Luke zusammen zu sein. Meist sprachen wir in meiner Vorstellung nicht, aber ich lag dicht an ihn gekuschelt und roch seinen unvergleichlichen Duft. Irgendwann fielen mir die Augen zu und eine traumlose Nacht folgte.

Als ich am Sonntagmorgen um halb fünf die Augen öffnete, plante ich meinen Tag. Mein letzter freier Tag bevor mein Dienst anfing. Ich nahm mir vor, viel Sport zu treiben. Essen konnte ich auch an diesem Tag nicht. Aber ich schaffte, ein Glas Milch zu trinken, damit das Knurren in meinem Magen aufhörte.

Als ich Sonntagabend im Bett lag, war ich zufrieden. Ich hatte wieder einen Tag geschafft, ohne in einem Heulkrampf zu enden, ich hatte geschafft, zehn Kilometer laufen zu gehen und zusätzlich noch eine Stunde auf meinem Heimcrosstrainer Sport zu machen. Und ich hatte nur ein Glas Milch getrunken. Wenn ich abends im Bett lag und mein Magen knurrte, fühlte ich mich wohl, denn, weshalb auch immer, das Knurren des Magens überdeckte jegliche anderen Gefühle in mir. Nur das Einschlafen mit knurrendem Magen dauerte immer etwas länger. Aber das nahm ich gerne in Kauf.

Die Nacht war wie ein schwarzes Loch gewesen. Kein Traum, kein Leben, kein kleines Mädchen mit blauem Kopftuch was mich aus grünen Augen fragend ansah. Nichts. Wie immer stand ich früh auf, die Sonne war noch nicht aufgegangen und nutzte den Morgen, um Sport zu treiben.

Heute war der Tag, dem ich so lange schon entgegengefiebert hatte. Heute begann mein Dienst. Ich stellte den Crosstrainer noch eine Stufe schwerer ein und nahm zufrieden war, dass meine Beine begannen zu schmerzen. Musik hörte ich dieses Mal nicht, was ich sonst immer tat, weil es einen anstachelte, schneller zu treten. Nach einer Stunde stieg ich mit zitternden Beinen vom Gerät. Gut so.

Mein Dienst begann mit der Spätdienstwoche. Genauso wie auch in der Stadt, gab es hier auf dem Land ein Schichtmodell. Das Highlight für jeden, der in diesem Schichtmodell arbeitete, war das einmalige freie Wochenende im Monat. Für mich waren die Highlights zu arbeiten und möglichst die Tage, die man frei hatte, schnell rumzubekommen.

 

Wieder ummantelte mich die Leere, die ich, seitdem Luke nicht mehr in meinem Leben war, zum Freund ernannt hatte. Ein Freund der immer bei mir war. Ein Freund der mich begleitete, so oft. Ein Freund, den ich keinem vorstellte. Er gehörte nur mir und ich teilte nicht.

Ich sah mich um und stellte fest, dass ich das erste Mal das Gefühl bekam, zu Hause zu sein. Das erste Mal seit zwei Jahren. Ich war angekommen. Angekommen in meinem neuen Leben. In meinem neuen Leben ohne Boss. In einem Leben, wo es Luke nur noch als Erinnerung gab. Ich war ein anderer Mensch geworden. Ganz allein. Still und heimlich.

Ich schaute zur Uhr und stellte fest, dass ich mich auf den Weg machen musste. Auf den Weg zu meiner Wache, auf der ich in Zukunft arbeiten würde. Auf den Weg zu neuen Gesichtern. Neue Gesichter, die den Teil den ich aufgeschrieben hatte, von mir nicht kannten. Sie lernten eine Louise kennen, mit blonden Haaren bis zu den Schultern, sehr sportlich und arbeitswütig. Immer gut gelaunt und hilfsbereit. Der es nichts ausmachte länger im Dienst zu bleiben. Deswegen, weil sie dann nicht alleine zu Hause sein musste … aber das, das wusste keiner von ihnen und das war auch gut so … dachte ich …

 

Ich fuhr mit dem Fahrrad zur Wache. Es waren ungefähr zehn Kilometer, ich sparte den Sprit für mein Auto, tat was für meine Gesundheit und verbrannte vor allem Kalorien. Auf der Fahrt übte ich bereits den freundlichen und zufriedenen Gesichtsausdruck, der mich als liebevoll und lustig rüberkommen lassen sollte. Ich hoffte sehr, dass es mir gelang.

Ich freute mich auf Arbeit und auf neue Kollegen. Ich freute mich, Hans als meinen Chef zu haben, er war sehr lustig und ließ gerne mal Fünfe geradesein. Und alle Kollegen, die ich bereits einige Wochen zuvor kennengelernt hatte, waren mir sympathisch. In Zukunft wären wir also drei Frauen: Ich, Regina und Kathrin und drei Männer: Johann und Gunnar, die man eigentlich nicht Männer nennen durfte, weil sie jung und wild waren und Paul, ein sehr angenehmer Mensch, den man sich gut als Opa vorstellen konnte. In gewisser Maßen erinnerte er an Thomas, von der Wache in der Innenstadt. Ein Fels in der Brandung. Ein Ruhepol, der für jedes Problem eine Lösung parat hatte. Ich schämte mich, weil ich mich gar nicht mehr auf der Wache in der Innenstadt gemeldet hatte. Ich hatte mit allem abgeschlossen. Quasi die Reset-Taste gedrückt. Und nun baute ich mir ein neues Leben auf. Also ich versuchte es zumindest.

Ich stellte mein Fahrrad auf den Parkplatz, der zum Polizeibungalow gehörte, ignorierte die Tatsache, dass tatsächlich ein grauer Q5 auf dem letzten Parkplatz stand und schloss es ab. Mit etwas Aufregung betrat ich meinen neuen Arbeitsplatz und ging direkt zur Umkleide. Ich freute mich, als ich Regina und Kathrin antraf. Die anderen Damen in der Umkleide aus der vorherigen Dienstgruppe zogen sich ebenfalls um, reichten mir alle freundlich die Hand und hießen mich auf dieser Wache willkommen.

»Louise.« Lächelnd kam Regina auf mich zu und reichte mir die Hand. »Schön, dass du jetzt in unserem Team bist!«

Kathrin nahm mich in den Arm. »Louise! Wir werden sicher viel Spaß haben. Schön, dass du da bist!«

Regina war die älteste Frau auf der Wache mit fünfundvierzig Jahren. Eine gestandene Frau, die einen Ehemann hatte und zwei Kinder. Kathrin war deutlich jünger. Ich schätzte sie noch jünger, als ich es war. Vielleicht so um die fünfundzwanzig und ich konnte mir gut vorstellen, dass wir Freunde würden. Außerdem teilten Kathrin und ich ein Hobby. Sie hatte ein Pferd, leider jedoch in einem anderen Stall und liebte die Reiterei genauso wie ich.

Kathrin war eine schöne Frau. Nicht so schön wie Veronika damals auf der Wache in der Innenstadt, aber sie hatte etwas sehr Spezielles. Mit ihren schwarzen kurzen Haaren und den sehr filigranen Gesichtszügen war sie ein Hingucker. Regina sah ganz gewöhnlich aus. Ihre rötlichen Haare band sie tief im Nacken zu einem einfachen Zopf zusammen.

Ich setzte mein einstudiertes Lächeln auf, was ich auf dem Weg zur Wache geübt hatte. »Vielen Dank für die freundliche Begrüßung. Ich freue mich riesig, hier arbeiten zu dürfen«, sagte ich und band meine Haare im Nacken zu einem Dutt zusammen. Eine Nebenwirkung, die geblieben war, als ich unter Luke mein erstes Praktikum absolviert hatte. Wir alle mussten unsere Haare zusammenknoten im Nacken.

»Ach«, sagte Regina, »das weißt du ja noch gar nicht. Wir haben einen neuen Chef bekommen. Hans hatte vor zwei Wochen einen Herzinfarkt!«

»Oh mein Gott, wie geht es ihm jetzt?« Ich begann mich schnell umzuziehen. Kathrin und Regina waren so nett und warteten auf mich. Ihre entsetzten Blicke, als ich in Unterwäsche dastand, versuchte ich so gut es ging zu ignorieren. Ich hatte mich daran gewöhnt, war man etwas dünner, dass man direkt seltsam angeschaut wurde. Ich stempelte die Blicke jener als ›neidische Blicke‹ ab.

»Der liegt noch im Krankenhaus, ist aber wohl laut der Ärzte über den Berg. Aber wiederkommen wird er nicht. Leider«, sagte Kathrin und zupfte sich vor dem Spiegel einige Haarsträhnen gekonnt in die Stirn.

»Wo ist das passiert?« Wir gingen zusammen aus der Umkleide.

»Zu Hause. Seine Frau wollte ihm gerade einen Tee machen, da ist er zusammengeklappt«, entgegnete Regina und öffnete die Tür des Raumes, wo die Schließfächer für die Waffen waren. Wir bestückten alle unsere Gürtel und leider konnte ich mich jetzt nicht mehr im Spiegel eingehend betrachten, was ich gerne getan hätte. Ich war eine fertige Polizistin. Einzig, dass meine Diensthose überall schlabberte, störte mich sehr. Ich müsste erneut zur Kleidungsausgabe fahren und mir alles eine Nummer kleiner bestellen.

»Schrecklich, tut mir total leid«, sagte ich, als wir auf dem Weg zum Wachraum waren.

»Wir wollen ihn nächste Woche besuchen, dann kommst du mit, ja?«, fragte Regina.

»Gerne! Und wie ist jetzt der neue Chef so?«

»Wir haben ihn nur einmal kurz gesehen, er wollte sich heute allen vorstellen. Ihr seid quasi gemeinsam hier die Neuen«, sagte Regina lachend, »aber vielleicht gehst du schon Mal zum Büro. Du hast ihn ja noch gar nicht gesehen. Und er ist einen Blick wert. Du verstehst, oder?« Sie zwinkerte mich verschwörerisch an. Kathrin schüttelte nur lachend den Kopf.

Johann und Gunnar kamen lächelnd auf mich zu und streckten mir die Faust entgegen. Ich schlug lachend mit meiner auf ihre.

»Super, die Begrüßung klappt schon mal«, sagte Gunnar, und es fiel mir in diesem Moment schwer, ihm in die Augen zu sehen. Seine Arme glichen einer Leinwand. Man sah kein Stück Haut, die nicht tätowiert war.

»Die Neue geht dann mal den Neuen begrüßen«, sagte ich etwas schüchtern. Johann drückte mir einen Becher Kaffee in die Hand. »Hier, wollte der Chef haben. Kannste mitnehmen. Dein erste Aufgabe bei uns.«

»Ich kann noch mehr als Kaffee bringen«, sagte ich versucht streng und lachte.

Johann erinnerte mich sofort an Daniel. Der Kollege, der vom Dienst suspendiert wurde, weil er einen Mann zu Tode geprügelt hatte. Immer noch saß er in Haft. Johann war recht groß, durchaus attraktiv und als er mich anlächelte kam mir unweigerlich in den Sinn, dass meine Mutter und auch Lina mir wahrscheinlich raten würden, mich mit ihm mal zu treffen, denn sie würden denken, dass er ein potenzieller Nachfolger von Luke sein könnte. Für mich war er das nicht. Kein Mann war ein potenzieller und würdiger Nachfolger für Luke.

Das Büro lag direkt hinter dem Wachraum und innerlich musste ich lachen. Auf der Wache in der Innenstadt war der Weg sicherlich fünffach so lang. Und ich erinnerte mich noch gut an das Gefühl, Angst zu haben, mir den Weg nicht merken zu können. Ich holte tief Luft und musste über mich selbst schmunzeln, da ich tatsächlich eine gewisse Aufregung spürte. Und einige Sekunden stand ich vor der Tür und zählte innerlich bis drei.

Ich klopfte. So, wie ich es immer tat. So, wie ich es vom Boss gelernt hatte. Ich wartete.

»Herein!«

Einen kurzen Moment glaubte ich, Luke hätte ›Herein‹ gerufen. Mein Geist spielte mir wieder Mal einen Streich. Ich öffnete die Tür, schaute auf und ließ den Becher mit Kaffee fallen.

   

 

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