C.S. Neuhaus Bücher

 



B.O.S.S. - Über das Sachliche

 

 

 

Ich sah mich um in meiner Wohnung, die wieder nach Luke aussah und überlegte, Lina anzurufen, mir meine sterilen, weißen Möbel zurückzubringen, damit ich mein neues Leben ohne Luke, ohne Boss, ohne DGL und ohne Arzt besser beginnen konnte. Ich würde sie nächste Woche anrufen, oder danach die Woche. Wenn es mir besser ging. Wenn ich die Erkältung zum einen los war und zum anderen, wenn sich mein Herz erholt hatte von den tiefsitzenden Wunden, die erneut aufgerissen waren, nachdem Luke mich am Reitstall mit der Gerte geschlagen hatte. Innerlich verbesserte ich mich schnell. Nicht Luke, sondern der Boss hatte mich geschlagen. Und auch käme ich nicht drum rum, ihn anzurufen, weil ich noch so viele Dinge in seiner Wohnung liegen hatte. Aber jetzt wurde es erstmal Zeit, meine Wunden zu lecken … meine vielen Wunden … und kurz überlegte ich, bei welcher Wunde ich zuerst anfangen sollte. 

Mechanisch zog ich meine Stiefel aus, dann vorsichtig die Reithose und die nasse Unterhose. Da der Schmerz bereits nach dem ersten Hieb so enorm war, hatte meine Blase nachgelassen. Rote Striemen zogen sich über meinen Hintern. Rote Striemen die sich anfühlten, als sei meine Haut verbrannt, aber das war noch das kleinste Übel von allem. 

Ich duschte mich, biss die Zähne zusammen, als Seife, gemischt mit Wasser über meinen Po lief, trocknete mich ab und hatte nur noch das Bedürfnis ins Bett zu gehen. Mein Handy nahm ich mit … vielleicht schrieb er ja mal. 

Ich versuchte zu weinen. Laut. Aber es ging nicht und es ärgerte mich sehr, denn Weinen hätte zumindest etwas vom Druck in meiner Brust genommen. Aber ich war zu schwach zum Weinen. Ich lag unter meiner Decke auf dem Rücken und starrte die Decke an. Ich schaffte nichts mehr zu bewegen. Nur die Augenlider bewegten sich wie von selbst. Langsam senkten sie sich, bis ich nichts mehr sah, als nur Röte und Blitze. 

»I love you«, hörte ich es leise in mir. Lukes Stimme. Und es tröstete mich, zu wissen, dass ich den Klang niemals in meinem Leben vergessen würde. Ebenso nicht den Duft, der ihm immer anhaftete und der für mich so besonders war, von Anfang an.

Ich liege auf kaltem Beton, die Sonne brennt auf meiner Haut, lässt mich schwitzen und spüren, dass meine Haut längst verbrannt ist. Ich hebe die Hand. Überall Blut … alles voll mit Blut … Maik hat gut getroffen. Ich werde hier liegen und verbluten. Das ist mein Ende. Das ist das Ende, was ich mir gewünscht hatte. Einfach gehen zu können. Ich musste nur noch etwas warten, dann wäre es vorbei und in diesem Moment war ich Maik dankbar, mich angeschossen zu haben. Nur die Sonne, die könnte jetzt langsam mal untergehen. Mir ist so schrecklich heiß. Das Blut klebt getrocknet an meinem Körper. Überall. Und ich spüre es auf meinem Gesicht, weil ich mir mit der Hand versucht habe, den Schweiß von der Stirn zu wischen. 

Man wird mich finden, wenn es vorbei ist und man wird sich wundern, woher das ganze Blut kommt, bis man feststellt, dass er mir genau in den Unterleib geschossen hat. Ich spüre wie das Blut läuft. Unaufhaltsam. Immer weiter. Mein Ticket in den Tod. Ich lächle zufrieden. Endlich wird die Schwere, die immer in meinem Leben da war, weg sein. Ich werde leicht sein. Ich werde zufrieden sein. Ich werde das kleine Mädchen mit dem blauen Kopftuch treffen. Endlich. 

Das Klingeln meines Handys lässt mich zur Seite schauen. Es liegt unweit von mir entfernt auf dem Asphalt, ich greife danach, muss mich strecken, alles tut weh. Wer stört mich beim Sterben? Wer will jetzt noch was von mir?

Erschrocken öffnete ich halb die Augen und schaffte es, langsam über das Display zu wischen und mir mein Telefon ans Ohr zu halten.

»Lou?«, hörte ich Luke sagen. Ein Lächeln huschte mir übers Gesicht, wieder störte er mich beim Sterben.

»Lass mich sterben. Einfach sterben. Ich habe Frieden geschlossen«, sagte ich ganz leise, irgendwie begann meine Zunge erste Lähmungserscheinungen zu zeigen.

»Lou? Was … was redest du denn da?«

»Es ist die Sonne. Sie ist zu heiß und das Blut überall.«

»Was … Lou? Ist alles in Ordnung mit dir? Hast du getrunken?« 

»Maik hat mich angeschossen. Und die Sonne hat mich verbrannt. Es ist so heiß … zu heiß, meine ich.«

»Lou, es scheint keine Sonne. Maik sitzt im Gefängnis. Was redest du da? Du machst mir Angst. Lou?«

»Es ist so heiß.«

Ich hörte ihn husten. »Lou! Hör mir zu. Ich bin in zehn Minuten bei dir. Du musst mir aufmachen! Schaffst du das? Schaffst du die Türe zu öffnen?«, sagte er mit fester Stimme. 

»Wir … hatten wir Streit?«, fragte ich leise und merkte, wie mir wieder die Augenlider zufielen. 

»Nein, Baby, wir haben keinen Streit. Du musst … also du musst mir wirklich aufmachen. Verstehst du das?« 

»Ich kann nicht … ich bin … das Blut. Überall.«

»Du machst mir Angst, Lou! Hat dein Nachbar einen Schlüssel?« Ich versuchte zu antworten, aber meine Zunge streikte. »Sprich mit mir Baby, bitte! Hat dein Nachbar einen Schlüssel?«

»Erster Stock«, krächzte ich und musste husten. Alles begann zu schmerzen und bei jedem Husten merkte ich, wie ich noch mehr Blut verlor. Die Leitung war tot. Luke war weg. Hatte ich nur geträumt? 

Wieder fiel ich in einen unruhigen Schlaf und als habe der Traum nur auf mich gewartet, lag ich wieder auf dem Beton und die Sonne brannte unaufhörlich, unerbittlich weiter.

Ich schreckte hoch, als ich eine Hand auf meiner Stirn spürte. Luke. 

»Lou, du hast hohes Fieber!«

»Die Sonne und das Blut«, flüsterte ich und hatte die Augen wieder geschlossen. Ich spürte plötzlich eine angenehme Kälte auf meinem so heißen Körper.

»Alright. Du hast deine Tage bekommen. Das ist nicht schlimm, verstehst du?«

Ich nickte nur langsam. »Da war ein Schuss«, flüsterte ich. 

»Das ist das Fieber, was dich das glauben lässt«, sagte Luke leise und stand auf. Ich sah aus halbgeöffneten Augen, dass er mein Schlafzimmer verließ und ich dachte, er würde wieder gehen, es lohne sich nicht, sich um mich zu kümmern. Tränen liefen über mein heißes Gesicht und ich hatte das Gefühl, dass sie unweigerlich verdampften, weil meine Haut glühte. 

Aber Luke kam wieder, mit einer Schüssel. 

»Wir waschen das Blut weg, okay?«

»Okay. Und die Schusswunde?«, fragte ich leise und spürte wieder den unnachgiebigen Beton unter mir. 

»Ja, die waschen wir auch weg.«

Luke legte mir einen kalten Waschlappen auf die Stirn. Ich atmete erleichtert aus, weil es die Sonne wegnahm. Ich spürte kaltes in meinem Schritt, meine Muskeln begannen mit einem mal zu zittern. Mir wurde kalt. Wahnsinnig kalt. Meine Zähne klapperten und ich konnte es nicht aufhalten. 

»Gleich haben wir alles sauber. Du musst noch ein bisschen durchhalten«, sagte Luke und war offensichtlich dabei, meine Beine und meinen Schritt vom Blut zu befreien. 

»Mir … mir ist … so kalt«, brachte ich hervor. Meine Zähne stießen wie bei einem Morsegerät ungleichmäßig zusammen. Und trotz Kälte spürte ich den Schweiß auf meiner Stirn. 

Ich sah wie Luke sich einen Handschuh überzog. Angst kam in mir hoch. »Was …?«, versuchte ich zu fragen. 

Luke packte meinen Oberschenkel und winkelte ihn an. »Na wir wollen doch, dass das Bluten aufhört, right?«, flüsterte er. Selbst wenn ich gewollt hätte, ich hatte keine Kraft mehr, mich zu wehren. Sogar meine Hände konnte ich nicht mehr heben. Nichts mehr, gar nichts mehr an meinem Körper funktionierte noch. 

Ich spürte irgendwas in mir und kurz begann es weh zu tun. 

»Alright«, murmelte Luke und zog sich den Handschuh aus. Er zog mir eine frische Unterhose an, dann packte er mich und legte mich auf die andere Seite vom Bett. 

»Ich zieh mal schnell das Bett ab und steck die Sachen in die Waschmaschine. Ist ja alles voll mit Blut hier.« Luke legte die andere Decke über mich und zog das Bett ab, dann verließ er wieder das Schlafzimmer. 

Mir wurde immer kälter. Das Klappern wollte nicht aufhören und mit jedem Zusammenstoß meiner Zähne flammte ein heftiger Schmerz in meinem Kopf auf. Als Luke zurückkam öffnete ich langsam wieder die Augen. Er hielt ein Glas in der Hand. Vorsichtig stützte er meinen Kopf und hielt mir den Glasrand an die Lippen. Ich versuchte zu trinken, doch der erste Schluck kam postwendend wieder raus.

»Okay, das funktioniert schon mal nicht. Ich fahre schnell in die Apotheke, Lou. Hast du verstanden? Ich komme gleich wieder, okay?«

Wieder liefen die Tränen, erschöpft sank ich auf das Kopfkissen zurück. Ich nickte nur. Luke wischte mit einem Waschlappen über mein Gesicht, stand auf und legte zusätzlich eine Wolldecke über mich. Dann war er weg. Ich schloss die Augen und fiel wieder in einen unruhigen, traumlosen Schlaf.

Wach wurde ich, als Luke auf der Bettkante saß und irgendwas auspackte. 

»Leg dich mal auf die Seite«, flüsterte er.

»Was … hast du …?«, flüsterte ich leise, fragend zurück, mir war wieder wahnsinnig heiß und ich zog die Decke ein Stück von mir runter.

»Zäpfchen. Alles andere funktioniert nicht, right?«

»Ich … nein … bitte«, sagte ich leise und wollte meine Hand heben.

»Lou, keine Zeit sich jetzt zu schämen! Verstehst du?« Er packte mich an der Hüfte, drehte mich auf die Seite und zog meine Unterhose runter. Mich dagegen wehren, konnte ich nicht. Ich fühlte mich, als sei ein LKW über mich gerollt.

»Jetzt hör auf, die Backen zusammenzukneifen«, flüsterte er, ehe ich etwas Kaltes an meinem … spürte. 

»Huch«, kam es automatisch über meine Lippen. 

Luke lachte leise. »So, jetzt kannst du zusammenkneifen«, sagte er und zog mir die Unterhose wieder hoch. Er drehte mich wieder auf den Rücken und legte die Decke über mich.

»Bist du jetzt wieder weg?«, fragte ich leise, in meinem Kopf drehte sich alles. 

»Nein, ich bleibe. Wir wollen doch, dass du gesund wirst, oder?« 

Luke verschwand wieder und kam kurzdarauf zurück mit einem kalten Waschlappen in der Hand. Vorsichtig legte er ihn mir auf die Stirn und setzte sich neben mich. Einen Moment noch schaffte ich es, mir sein Gesicht anzuschauen, dann war ich wieder eingeschlafen.

Ausgeruht wurde ich wach und hatte überhaupt kein Gefühl für Zeit. Verschlafen schaute ich auf den Wecker. Halb fünf. Aber welchen Tag hatten wir? Ich sah mich um. Luke hatte meine andere Hälfte vom Bett frisch bezogen, aber wo war er? Ich richtete mich langsam auf und ließ die Beine aus dem Bett hängen. Mein Kopf tat immer noch weh und auch war mir leicht schwindelig und in meinem linken Ohr klopfte es stark. 

»Hey.« Luke stand in der Tür und schaute mich sanft an. 

»Hey«, entgegnete ich.

»How do you feel?«

»Besser. Vielen Dank für … ja. Also vielen Dank nochmal«, sagte ich leise und stand langsam auf. 

»Nicht dafür. Musst du zur Toilette?«, fragte er und kam auf mich zu.

Ich schüttelte den Kopf und merkte gleich, dass allein diese Bewegung dazu führte, dass es in meinem Kopf noch mehr klopfte. »Ich habe Durst und wollte mich gerne mal waschen. Hast du mir … also …«

»Ja, habe ich. Du solltest vielleicht aber den Tampon wechseln. Du blutest wahnsinnig.«

Ich schaute beschämt zu Boden und klatschte in die Hände wie ich es oftmals aus Verlegenheit tat. 

»Gut, dann mach ich das mal.« Ich versuchte an Luke vorbei zu gehen, doch er machte keine Anstalten mich durchzulassen. Er hob mein Kinn an, sodass ich ihn ansehen musste. Seine blauen Augen sahen bis tief in meine Seele, so kam es mir in diesem Moment vor und am liebsten hätte ich mich einfach an ihn gekuschelt und alles vergessen, was geschehen war.

»Wir sollten uns nachher mal unterhalten, right?«

Ich zog meinen Kopf zurück. »Sag es doch einfach jetzt. Wir trennen uns. Ich weiß es ja. Warum warten bis nachher?« Ich spürte einen Kloß in meinem Hals wachsen, der nur darauf wartete, dass Luke ›Genau, wir trennen uns‹, sagte.

Luke schnappte entsetzt nach Luft. »Wieso, also … nein, ich will nicht, dass wir getrennt sind. Aber ich entschuldige mich nicht dafür, dass ich dich mit einer Gerte gehauen habe! Im Gegenteil. Es ärgert mich maßlos, dass ich so früh aufgehört habe. Du hättest das Dreifache verdient!« Der Kloß ging kopfschüttelnd weg.

»Ich bin wenigstens so fair und entschuldige mich dafür, dass ich dir ins Gesicht geschlagen habe«, sagte ich leise und musste wahnsinnig husten.

»Okay, könntest du vielleicht jetzt, und das, ohne die Augen zu verdrehen, den Mund weit auf machen?«

Ich tat es widerstandslos, weil mein Hals wirklich wehtat.

»Good Girl!« Ich versuchte sein Gesicht zu sehen, seine Augen, doch die wurden von einer übergroßen Zornesfalte verdeckt. »Alright«, sagte er, nachdem er mir in den Rachen geschaut hatte, »ich würde die Schläge auf das fünffache erhöhen!« 

Ich machte schnell den Mund zu. »Warum?«, fragte ich und musste wieder husten. 

»Du hast eine eitrige Mandelentzündung! Und du hast gestern geraucht … wie konntest du nur?«

Ich ging langsam in die Küche. »Ich hab gar nicht oft gezogen. Die Zigarette hat schon gar nicht mehr geschmeckt.« 

Ich goss mir ein Glas Leitungswasser ein und trank langsam. Das Wasser tat gut. Ich fühlte mich völlig ausgetrocknet, aber die Vorstellung mich jetzt waschen zu müssen, ging gar nicht. Ich war von den paar Schritten und von dem Glas Wasser, was ich nahezu leer getrunken hatte, so erschöpft, dass ich eigentlich am liebsten wieder ins Bett wollte.

»Ich rauche nie wieder. Mir wird schlecht wenn ich daran denke«, murmelte ich. 

»Well, I hope so!« 

Ich huschte schnell auf Toilette und schloss vorsorglich die Türe ab. Als ich mir die Unterhose runterzog sah ich, dass Luke mir offensichtlich eine Binde hineingeklebt hatte. Dieser Mann dachte aber auch an alles. 

Ich war froh, als ich wieder im Bett lag und noch glücklicher war ich über die Tatsache, dass Luke sich neben mich legte. Die Bestrafung mit der Reitgerte verdrängte ich so gut es ging. 

Sanft legte er seine Hand auf meine Stirn. »Du hast immer noch Fieber. Du solltest mal wieder was nehmen.« 

 

 

 

 

 

***